Quo vadis Palmöl?

Wer hat es nicht gesehen? Das herzzerreißenden Youtube Video einer isländischen Supermarktkette, in dem ein putziges Orang-Utan Baby durch Palmölplantagen seinen Lebensraum verloren hat.

Gleichzeitig positioniert sich der Lebensmittelhändler als strahlender Retter in der Not, der das berüchtigte Palmöl komplett aus seinen Regalen verbannt hat. Die emotionale Bildsprache dieser Kampagne lässt wohl kaum jemanden kalt, so verwundert es nicht weiter, dass der 90 Sekunden lange Clip binnen kürzester Zeit viral ging und bereits über 6 Millionen Aufrufe verzeichnet. Diese geschickte PR Aktion lässt nun auch den Druck auf die heimischen Lebensmittelproduzenten und -händler wachsen, auf palmölfreie Alternativen umzusteigen. Dass diese Art von Populismus wenig konstruktiv ist und weder für den Orang-Utan noch für die Konsumenten sinnvoll ist, muss auch erwähnt werden. Heute möchten wir einen genaueren Blick auf die vielen Facetten des Problems Palmöl richten.

 

Die Ölpalme: Raumwunder und Alleskönner

Obwohl die Ölpalme Elaeis guineensis ursprünglich in den tropischen Gebieten Westafrikas beheimatet ist, wird sie mittleiweile auch in Südamerika und vor allem in Südostasien angebaut. Die bis zu 30 Meter hohe Palme produziert bis zu 6000 Früchte aus deren Fruchtfleisch das orangefarbene rohe Palmöl gewonnen wird. Die Kerne werden getrocknet und gemahlen um daraus Palmkernöl zu gewinnen. Der Einfachheit halber werden wir im folgenden Artikel Palm- und Palmkernerzeugnisse unter dem Begriff Palmöl zusammenfassen. Ab dem dritten Jahr tragen die Jungpflanzen Früchte, nach etwa 20 Jahren geht der Ertrag zurück, sodass die Plantage abgeholzt und durch junge Pflanzen ersetzt wird.

 

Die Fruchtstände der Ölpalme können bis zu 10kg schwer werden.

 

Der Hauptvorteil der Ölpalme ist der extrem hohe Flächenertrag. So können auf einem Hektar Ackerland pro Jahr bis zu 3,7 Tonnen Öl produziert werden, das ist etwa 3 Mal so viel wie auf Rapsfelder und 5-mal so viel wie auf Kokosplantagen. Obwohl Ölpalmenplantagen nur etwa 6% der Fläche, die derzeit weltweit für den Anbau von Ölsaaten genutzt wird einnehmen, deckt Palmöl etwa ein Drittel des golbalen Bedarfs an Ölen ab. Seit 1985 hat sich aufgrund der massiv gestiegenen Nachfrage nach Ölrohstoffen die Anbaufläche der Ölpalme verzehnfacht.



Schätzungen zufolge werden jährlich etwa 65 Millionen Tonnen Palmöl produziert, die größten Produzenten Indonesien und Malaysia decken etwa 85% des weltweiten Bedarfs. Allein in Indonesien werden 13 Millionen Hektar bewirtschaftet, eine Fläche 1 ½ Mal so groß wie Österreich. Die größten Abnehmer sind nach Indien die EU und China. Branchenexperten schätzen, dass etwa die Hälfe aller Produkte in den heimischen Supermärkten Rohstoffe, die aus der Ölpalme gewonnen werden, enthalten.
Palmöl bietet die perfekten Voraussetzungen für die Weiterverarbeitung: Nach der Raffination, bei der chemische Verunreinigungen wie Schleimstoffe oder freie Fettsäuren, die eine Oxidation und somit ein ranzig werden begünstigen, entfernt werden, ist es geschmacksneutral, hitzestabil und lange haltbar. Etwa die Hälfte der globalen Produktion von Palmöl wird allerdings zur Energiegewinnung, unter anderem als Biodiesel genutzt, nur und ein Viertel für die Produktion von Lebensmitteln und Kosmetika. Palmöl ist bei Raumtemperatur fest und eignet sich in Backwaren und Fertiggerichten als billiger Ersatz für Butter oder Schmalz. Palmkernöl findet hauptsächlich in der kosmetischen Industrie sowie als Trägerstoff für Lebensmittelaromen Verwendung.

 

Palmfrüchte und rohes Palmöl (links) , Palmkerne und Palmkernöl (rechts)

 

Die Schattenseiten des Palmöl Booms

Die Probleme, die mit dieser aggressiven Expansion einhergegangen sind, sind mannigfaltig. Um urbares Plantagenland zu gewinnen wird der Regenwald zuerst meist durch Brandrodung vernichtet. Diese Praktik setzt nicht nur massiv Treibhausgase in die Atmosphäre frei sondern zerstört auch den letzten verbliebenen Lebensraum vieler vom Aussterben bedrohter Tierarten wie dem Orang-Utan, den Sumatra Nashörnern und Tigern.
Die Goldgräberstimmung in den neu erschlossenen Anbaugebieten zog auch sozioökonomische Probleme mit sich. So wurden viele Kleinbauern aus ihren Siedlungen vertrieben um Platz für die Megaplantagen zu schaffen. Aufgrund mangelnder Alternativen waren große Teile der in Armut lebenden Landbevölkerung gezwungen auf den Plantagen unter teilweise katastrophalen Bedingungen zu schuften. Rund 1500 Fälle von Menschenrechtsverletzungen wurden allein im Jahr 2010 in Zusammenhang mit der indonesischen Palmölwirtschaft gemeldet, die Dunkelziffer liegt weit höher.
Um diesen dramatischen Entwicklungen Einhalt zu gebieten hat der WWF 2004 den Roundtable of Sustainable Palm Oil (Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl), kurz RSPO, ins Leben gerufen. Dieses Gremium soll Strategien und Pläne für einen nachhaltigen Palmölanbau ausarbeiten. Mitglieder sind neben anderen Nichtregierungsorganisationen auch Investoren und Plantagenbetreiber sowie die Lebensmittelindustrie und der Handel. Eine zentrale Forderung ist unter anderem, dass neue Plantagen ausschließlich auf Brachflächen erschlossen werden dürfen um die CO2 Freisetzung zu minimieren und die Rodung des Urwaldes einzubremsen. Weiters wurden soziale Standards für die Plantagenarbeiter und Kleinbauern sowie Richtlinien für den Umgang mit der indigenen Bevölkerung definiert um deren Interessen gegenüber den Plantagenbetreibern zu vertreten.



Allerdings werfen Kritiker dem RSPO vor Greenwashing für seine Rohstoffe zu betreiben um die Endverbraucher zu beschwichtigen und die Großkonzerne in ein besseres Licht zu rücken. Tatsächlich wird weiterhin Raubbau an der Natur betrieben, dessen Folgen unter anderem Überschwemmungen, Dürren, Bodenerosion sowie eine Verschmutzung der Oberflächengewässer sind. Eine nachhaltige Landwirtschaft sei in der Palmölproduktion überhaupt nicht möglich, auch die sozialen Standards werden nicht eingehalten, Landraub und Vertreibungen stehen nach wie vor auf der Tagesordnung, meinen die Kritiker.

 

Gesundheitliche Aspekte

Im Herbst vergangenen Jahres sorgte eine Studie über die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Palmöl für Aufsehen: Wissenschaftler haben 3-Monochloropropan-1,2-diol, kurz 3-MCPD sowie Glycidol und die verwandten Fettsäureester in größeren Mengen in palmölhaltigen Lebensmitteln nachgewiesen. Diese chemischen Verbindungen wurden anhand von Forschungsergebnissen aus Tierversuchen als potentiell krebserregende eingestuft. Selbst die Konsumenten, die sich nicht sonderlich für den Umweltschutz interessieren konnte man mit diesen Argumenten mobilisieren, sodass dieses Thema schnell hohe Wellen schlug und dafür sorgte, dass die betroffenen Produkte unter großer Medienwirksamkeit aus dem Verkehr gezogen wurden. Was im öffentlichen Diskurs von den Umweltschutzorganisationen verschwiegen wurde ist, dass diese Kontaminanten prinzipiell in jedem raffinierten Pflanzenfett nachgewiesen werden können und dass hier nicht nur der Rohstoff sondern vor allem der Raffinationsprozess, bei dem das Öl stark erhitzt wird, eine Rolle bei der Entstehung dieser Schadstoffe spielt.

 

Wie erkenne ich palmölhaltige Produkte?

Bei Lebensmittel ist es sehr einfach herauszufinden, ob diese Palmöl enthalten. Im Zutatenverzeichnis müssen nämlich alle Zutaten deklariert werden. Ausnahmen gibt es bei so genannten Hilfsstoffen, die aus einer Unterzutat stammen aber im Endprodukt keine Wirkung haben. So muss bei Trägerstoffen für Lebensmittelaromen nicht deklariert ob diese aus Palmöl hergestellt wurden, die Konzentration dieser Stoffe ist meist weiter unter einem Gewichtsprozent. Anders sieht die Sache bei Kosmetik und Haushaltprodukten aus, hier werden die chemischen Grundstoffe deklariert, aus welcher Quelle diese stammen, muss hingegen nicht angegeben werden. Hinweise ob tatsächlich Plamöl verarbeitet wurde geben Zutatennamen wie Cetly, Cetearyl, Palmitat oder Kernelat. Da mittlerweile auch die Konsumgüterhersteller die Sensibilität der Konsumenten bemerkt haben, werden palmölfreie Artikel mittlerweile stark beworben.

 

Fazit

Wir sehen also: Es ist ein Problem das nicht zuletzt auch wir Konsumenten verursacht haben, getrieben durch unsere Gier nach erneuerbarem Treibstoff, billigen Lebensmitteln sowie Haushalts- und Pflegeprodukten, gepaart mit einem rasanten Bevölkerungswachstum. Die Nachfrage nach Pflanzenöl ist so hoch wie nie und Palmöl ist die effizienteste Form dieses zu produzieren. Man stelle sich vor alle großen Verarbeiter würden beim Palmölboykott mitziehen. In Südostasien würde man die Palmöl Plantagen einfach niederbrennen und Kokosnüsse oder Soja anpflanzen um die entstandene Lücke am Weltmarkt zu bedienen. Allerdings liefern diese Pflanzen nur etwa ein Drittel des Flächenertrags, das heißt es müssten weitere 26 Million Hektar Regenwald gerodet werden. Würde man stattdessen auf heimisches Rapsöl setzen würden in Europa die Ackerflächen ziemlich schnell zur Neige gehen, schon jetzt wandert ein nicht unwesentlicher Teil der Agrarproduktion als Biosprit in den Tank statt auf den Teller. Die Wirtschaft der Staaten Südostasiens würde durch diesen Boykott ebenfalls ins Chaos gestürzt, die nun aufstrebenden Nationen würden wieder ins Elend zurückkatapultiert. Ganz abgesehen davon, dass der internationale Rohstoffmarkt zusammenbrechen würde und eine ausreichende Versorgung mit Pflanzenölen nicht mehr gewährleistet wäre. Leere Regale und massive Preissteigerungen wären nur eine der Folgen.



Die ökologischen und sozioökonomischen Schäden die die Palmölproduktion in ihrer jetzigen Form anrichtet sind nicht wegzudiskutieren, doch für komplizierte Probleme bedarf es meistens ebenso komplexer Lösungsansätze. Die Weltbevölkerung wird weiter wachsen, all diese Menschen wollen essen, heizen und Auto fahren, der Bedarf an Rohölen wird daher weiter steigen doch der Platz für Ackerland ist begrenzt. Revolutionäre Technologien wie das Vertical Farming oder Algenkraftwerke stecken noch in den Kinderschuhen, haben aber das Potential die Palmölproduktion in Sachen Effizienz noch zu übertreffen. Dies wird allerdings nicht von heute auf morgen geschehen sondern schrittweise von statten gehen. Meiner Meinung nach wäre der sinnvollste Weg diesem Problem Herr zu werden ein ausnahmsloses Verbot von Brandrodung, ein Baustopp für neue Plantagen auf schützenswertem Urwaldgebiet, sowie die nachhaltige Bewirtschaftung der bestehenden Flächen inklusive Wiederaufforstungsprogramme kombiniert mit Initiativen zur Stärkung der Kleinbauern und Plantagenarbeitern. Die Palmölerzeugung ist eine wichtige Triebfeder der Wirtschaft Südostasiens, daher ist es besonders wichtig, dass auch die Ärmsten vom Aufschwung profitieren. Die Initiativen des RSPO sind ein guter Ansatz, doch müssen seine Vorgaben noch deutlich weiterentwickelt werden und vor allem rechtlich bindend sein. Ebenso müssen die Kontrollen wesentlich engmaschiger, am besten von unabhängigen Stellen durchgeführt werden, um keine Hintertür für Korruption und Misswirtschaft zu öffnen. Sobald effizientere und nachhaltigere Produktionsmethoden gefunden wurden kann ein schrittweiser Ausstieg aus dem Palmölanbau gestartet werden, indem unrentable Plantagen nicht mehr neu bepflanzt werden sondern zum Naturschutzgebiet erklärt werden und der Urwald wieder aufgeforstet wird.
Eines dürfen wir nicht vergessen: Der weiße Mann hat Jahrhunderte lang Raubbau an der Natur betrieben um sich sozialen Aufstieg und Wohlstand zu sichern, bis wir herausgefunden haben, dass dies der falsche Weg ist. Es wäre zu tiefst überheblich jetzt mit dem Finger auf die Menschen in den Schwellenländern zu zeigen weil sie, scheinbar ohne Bewusstsein für die Welt in der sie leben, denselben Impulsen folgen. Vielmehr müssen wir Aufklärung leisten und ihnen zeigen, dass der nachhaltige Weg auf lange Sicht gesehen der bessere ist. Um eine ganzheitliche Lösung zu finden ist es unumgänglich unsere Konsumgewohnheiten grundlegend zu hinterfragen, anstatt zu reflexartigen Reaktionen aufzurufen.

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Quellen und weiterführende Links:
https://www.forumpalmoel.org/
https://diepresse.com/home/wirtschaft/verbraucher/5408703/Die-Palmoelkrise-und-ihre-Profiteure
https://rspo.org/

 

 

Bildquellen:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Oilpalm_malaysia.jpg
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6b/Elaeis_guineensis_-_noix_de_palme_oil_palm_-_harvesting_fruits_from_the_the_cluster.jpg

By T.K. Naliaka – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57864602

 

 

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